Eva Heidenfelder: „Jugendliche sind nicht so ahnungslos, wie wir vielleicht glauben“

Foto: Janek Mayer

Die freie Journalistin Eva Heidenfelder (49. LR.) war 2019 sogar an drei Schulen: der Frankenlandschule Walldürn, dem Karl-Ernst-Gymnasium Amorbach und dem Johannes-Butzbach-Gymnasium in. Miltenberg. Greta Prünster (57. LR.) hat sie dazu befragt:

Sie sind #Journalistenschule-Spitzenreiterin, weil Sie gleich an drei Schulen waren. Was für Unterschiede haben Sie festgestellt?
Ich war an einem Wirtschaftsgymnasium sowie an zwei allgemeinbildenden Gymnasien. Unterschiede zwischen den Schularten konnte ich keine feststellen, alle Schüler*innen erwerben ja am Ende die Allgemeine Hochschulreife, die Wirtschaftsgymnasiasten haben lediglich einen stärkeren Fokus auf BWL, VWL und Rechnungswesen. Es gibt immer Jugendliche, die sind total interessiert und beteiligen sich an den Diskussionen oder beantworten mir meine Fragen, andere sind eher passiv bis gelangweilt, unabhängig von Schulart und Bildungsgrad. Bei den beiden allgemeinbildenden Gymnasien fiel natürlich auf, dass Achtklässler noch keine derart ausgeprägte eigene Meinung haben oder sie öffentlich vertreten wie Elft- oder Zwölftklässler. Aber gerade bei den jüngeren Schülern war ich wiederum überrascht, wie fit sie in punkto Medien und Politik schon sind und wie die Älteren auch fast alle eine Nachrichten-App nutzen. Echt stark!

Und wie war der Besuch?
Es war unglaublich aufregend und intensiv! Ich war nach allen drei Doppelstunden, die ich jeweils in den Klassen war, immer mental total fertig, deshalb erst einmal größten Respekt an alle Lehrer*innen da draußen, die diesen Job tagtäglich machen und zwar oft sechs Schulstunden lang oder mehr, fünf Tage die Woche. Auch die Schüler*innen waren trotz straffem Tagespensum bei der Sache. Ich hatte den Eindruck, dass ich sie dafür sensibilisieren konnte, etwas kritischer über den eigenen Umgang mit Medien und Nachrichten nachzudenken, dass guter und seriöser Journalismus nicht zum Nulltarif zu haben ist und dass es wichtig ist, sich aus seiner Filterblasen im Netz herauszubewegen, wenn man ein mündiger Bürger werden möchte. Einige der Schüler*innen durften bei der Europawahl am 26. Mai ja beispielsweise zum ersten Mal wählen.

Welche Fragen haben Sie den Schüler*innen gestellt?

Ich wollte wissen, ob sie den deutschen Medien und Staatsorganen noch vertrauen, sie für glaubwürdig halten. Da kam zum Glück eher ein Nicken aus den Reihen. Allerdings habe ich beschlossen, diese Frage nächstes Jahr in einer Art geheimen Wahl mit Stimmzetteln anonym beantworten zu lassen – der soziale Druck in einer Klassengemeinschaft ist doch recht hoch, viele haben Angst vor blöden Sprüchen seitens der Mitschüler*innen, dann sitzen auch noch die Lehrer*innen dabei und eine wildfremde Frau schaut auch noch zu. Viele trauen sich dann vielleicht nicht, ihre wahre Überzeugung zu sagen. Dann wollte ich noch wissen, wie sie erfahren würden, wenn Angela Merkel zurücktritt, sprich: Woher sie die neusten Nachrichten bekommen. Viele bekommen Push-Nachrichten von Google und klicken an, was sie interessiert. Da konnte ich super einhaken und sie auf die Themen Filterblasen und algorithmengenerierte Inhalte hinweisen, das war vielen glaube ich noch nicht so klar.

Manche haben außerdem „zugegeben“, dass sie nicht immer darauf achten, was die Quelle ist, aber ich glaube, sie werden jetzt verstärkt darauf achten. Auch bei Snapchat und Instagram informieren sich viele. Als glaubwürdige Medien wurden Spiegel Online, t-online, Tagesschau, heute journal, F.A.Z. und Süddeutsche genannt – und der Kicker. Dann wollte ich noch wissen ob sie glauben, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Artikel für die Zeitung oder fürs Netz schreibe. Da haben natürlich alle den Kopf geschüttelt. Gleichzeitig herrscht auch in dieser Generation seitens des Internets noch eine Art Gratismentalität. Klar, die wenigsten in diesem Alter geben ihr Taschengeld für Bezahlinhalte aus. Aber ich hoffe, dass sie mal darüber nachdenken, dass es die eben nicht zum Nulltarif geben kann.

Was haben Sie selbst bei den Besuchen gelernt?
Vor allem eines: Wir Erwachsenen sollten die Jugendlichen nicht unterschätzen, sie sind nicht so ahnungslos in punkto Medien, wie wir vielleicht glauben. Vor allem beim Thema gefakte (Bewegt)-Bilder kann man ihnen nur wenig vormachen. Gleichzeitig war ich dankbar, zu erfahren wie groß der Vertrauensvorschuss noch immer ist, den sie uns Journalist*innen geben, das sollten wir uns immer wieder bei unserer täglichen Arbeit vor Augen führen. Weniger angenehm meine Erkenntnis, da ich ja selbst hauptsächlich für Printmedien arbeite: Ich fürchte, die jetzige Schülergeneration holen wir eher mit Bewegtbild ab. Es nützt nichts sich darüber zu beklagen, dass sie nicht mehr printaffin ist und keine 15.000-Zeichen-Reportagen mehr am Frühstückstisch lesen will. Wir müssen unsere Geschichten mutimedial erzählen und auf Smartphone, Tablet und Co. zuschneiden. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen haben ja auch einen Bildungs- und Informationsauftrag, dem werden sie nicht gerecht, wenn sie so weiter machen wie bisher. Deshalb habe ich den Schüler*innen „So geht Medien“ vom BR warm ans Herz gelegt, die haben für das Webdossier schon viel richtig gemacht.

Außerdem habe ich gelernt, dass man sich im ländlichen Raum und an Schulen echt nicht auf einen komfortablen Internetzugang und die Technik verlassen kann – liebe Bundesländer, die ihr gegen den Digitalpakt sind, nehmt doch bitte das Geld. Am Wirtschaftsgymnasium in Walldürn habe ich außerdem gelernt wie wichtig auch die Rolle der Eltern ist, um den Jugendlichen einen klugen Medienkonsum beizubringen. Die Verantwortung kann hier nicht nur bei Lehrer*innen und Medienmacher*innen verortet werden.

Welche Kritik hatten die Schüler*innen an Journalist*innen?
Hier wurde als größtes Manko die Beliebig- und Austauschbarkeit vieler Online-Medien genannt. „Da schreibt doch einer vom anderen ab“, sagte ein Schüler dazu. Sie wünschen sich mehr Abwechslung und weniger Einheitsbrei. Andererseits hatten manche Schülerinnen und Schüler wiederum den Eindruck, dass manche Medien stärker über die Themen schreiben, die zur eigenen Tendenz passen, zweifelten also ein Stück weit die Neutralität mancher Medien an. Ein Schüler fand es zunächst nicht gut, dass die F.A.Z. vergangenen Herbst einen Gastbeitrag des AfD-Parteivorsitzenden Alexander Gauland veröffentlicht hat. Er war der Meinung, dass dieser Partei und ihren in seinen Augen populistischen Ansichten keine öffentliche Bühne gegeben werden dürfe. Daraus entspann sich eine schöne Diskussion zum Thema Meinungspluralität, denen sich viele unabhängige Medien verpflichtet fühlen. Allgemein sagten ein paar Schüler*innen, dass sie die Themen, die sie direkt betreffen oder für die sie sich interessieren (v.a. Bildung, Klimaschutz, Tierschutz), zu wenig von den Medien beachtet würden und sie es zwar wichtig fänden, über Kriege und Katastrophen informiert zu werden, die Tages- jedoch manchmal besser in Katastrophenschau umbenannt werden sollte. Sie wünschen sich auch mal positive Nachrichten, „sonst stumpft man ab“.

Was würden Sie nächstes Mal anders machen?
In den nächsten Jahren würde ich gerne versuchen, eher einen längeren Workshop am Nachmittag aus #journalistenschule zu machen, dann bleibt mehr Zeit für Diskussionen und die Schüler*innen können sich das, was ich jetzt eher selbst erzählt habe, in Eigenregie erarbeiten.

Matthias Zuber: Was haben Fake News mit Sokrates zu tun?

Matthias Zuber besuchte sein ehemaliges Gymnasium in Hof
Matthias Zuber besuchte sein ehemaliges Gymnasium in Hof

Ein paar subjektive Beobachtungen von Matthias Zuber (31. LR.) zu seinem Besuch im Rahmen der Aktion #journalistenschule am Jean-Paul-Gymnasium in Hof.

Das letzte Mal war ich hier, als ich mein Abiturzeugnis abgeholt habe. Das war vor 32 Jahren und fast schmerzhaft prosaisch. Und jetzt – ich erkenne meine alte Schule wieder. Immerhin. Ich habe schon lange nicht mehr an sie gedacht. Jetzt bin ich hier, um etwas über Pressefreiheit zu erzählen und mit den Schüler*innen der 10. Jahrgangsstufe darüber zu diskutieren. Jean Paul blickt neugierig von seiner Litfaßsäule im Schulhof.

Wie ich so vor meiner alten Schule stehe, blitzen Erinnerungen auf. Unangenehme – zum Beispiel an meinen Physik-Lehrer, an die – wie ich es als Pubertierender empfand. Geistige Enge. Und angenehmee Erinnerungen: An verrückte Videodrehs, in deren Folge ein Auto explodierte. Einsätze von Feuerwehr und Polizei wegen unserer „Kunstaktionen“, wie wir sie nannten. Es gab hier auch Englisch-, Deutsch-, Griechisch-, Kunst- Lehrerinnen und Lehrer, die tatsächlich Lebensweg prägend waren für mich.

In der Aula wirft der Beamer das erste Bild meiner Präsentation an die Leinwand. Die Stühle davor sind noch leer. Es ist 11 Uhr 17. Noch 13 Minuten.

Da steht in Arktisblau, der Trabbi-Farbe: „JOURNFAKEISM?“. „Journfakeism“? Mal echt? – Das ist schon ein wenig platt, denke ich. Gestern sah das noch besser aus und hatte sich auch noch viel besser gelesen. Jetzt ist mir „Journfakeism“ peinlich und ich überlege, die erste Folie noch schnell zu ändern. David Sendelbach, der Deutsch, Geschichte und Sozialkunde unterrichtet, unterbricht den Stream of Consciousness mit einem freundlichen Lächeln und einem Handschlag. Er ist viel jünger als ich, trägt eine Brille und hat eine weiche, freundliche Art. Er hat sich bereit erklärt, zwei seiner raren Sozialkundestunden in der 10. Jahrgangsstufe für unsere Aktion zum Tag der Pressefreiheit zu opfern. Immerhin. Er hatte am Telefon gesagt, dass Fake News ein Thema ist für die Jugendlichen. Warum habe ich mich nur für diese blöde Überschrift entschieden.

David Sendelbach stellt mich kurz vor: Schüler am Jean-Paul-Gymnasium, Philosophiestudium, Deutsche Journalistenschule, freier Autor für Print, Radio und Fernsehen, Produzent, Kameramann, Cutter, eigene, kleine Produktionsfirma in Berlin, Dozent… Der erste Schlag geht gleich mitten ins Getriebe: „Wie frei ist der Autor?“ Ich überlege kurz, welcher Freiheitsbegriff wohl gemeint ist, entscheide mich dann aber gegen eine Proseminarstunde Philosophie und erzähle praktisch aus meiner Arbeitswelt: „Mir läuft eine Geschichte über den Weg“, sage ich, „die mich fasziniert im Positiven wie Negativen und von der ich glaube, dass sie auch andere Menschen interessieren kann. Ich schreibe ein Exposé und biete es verschiedenen Redaktionen an.“ Das ist der Moment der Unfreiheit. Ich bin darauf angewiesen, dass eine Redakteurin, ein Redakteur, die Geschichte haben will. Es kann sein, dass ich als Autor in diesem Stadium Kompromisse machen, die ursprüngliche Geschichte an die Zielsetzungen der Redaktion anpassen muss. Wobei – ich muss gar nicht – ich kann sie auch einer anderen Redaktion anbieten. Im Endeffekt ist das meine Entscheidung. Und: wenn sie keiner kauft, die Geschichte? Na dann muss ich vielleicht doch Kompromisse machen, wenn die Miete noch nicht bezahlt ist in dem Monat – ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass das schon mal so war.

Wenn die Geschichte verkauft ist, bin ich wieder vollkommen frei bis zur Abnahme durch die Redaktion. Ich zeige das Video dem Redakteur, der Redakteurin und gehe auf die nachvollziehbaren und sinnvollen Änderungswünsche ein, auf die nicht nachvollziehbaren nicht. Berufe mich auf mein Recht als Autor. Im schlimmsten Fall ändert die Redaktion das dann doch gegen meinen Willen. Dafür darf dann mein Name nicht im Abspann erscheinen, weil ich mit dem Produkt nicht in Verbindung gebracht werden will. Das ist aber noch nie passiert. Ich fühle mich in meiner Arbeit als Autor also ziemlich frei. Ob das überzeugt hat? Ist das Skepsis im Blick der jungen Frau?

Ich erzähle mehr von meiner Arbeit, von den Geschichten, die ich schon produziert habe, gehe auf Fragen dazu ein und beginne danach mit der Präsentation: Prinz Williams Stinkfinger. Ein Foto, das so aussieht als würde der englische Prinz der Masse den ausgestreckten Mittelfinger entgegenstrecken. Das Bild hatte damals einen Shitstorm in sozialen Netzwerken ausgelöst. Ein Foto, das zum selben Zeitpunkt aus einer anderen Perspektive aufgenommen wurde, zeigt, dass der Prinz in Wirklichkeit drei Finger dem Publikum zeigt. Wir sprechen über Perspektiven und was wohl guten Journalismus von Informationen aus sozialen Netzwerken unterscheidet. Die Schüler*innen bekommen in kurzer Zeit selbständig die wichtigsten journalistischen Kriterien zusammen: immer bis zur eigentlichen Quelle recherchieren, immer auch die andere Seite berücksichtigen und zu Wort kommen lassen, keine Fakten für die Geschichte anpassen oder falsch wiedergeben, andere, vertrauenswürdige Personen gegenlesen, gegensehen, gegenhören lassen.

Das BR-Video über „Lügen im Internet …“ soll weiter ins Thema „Fakes“ führen. „Sind Fakes eine Erscheinung unserer Tage? Erst mit Erfindung des Internets entstanden?“, frage ich nach dem Video. Eine Schülerin meldet sich und sagt, dass es ja schon im antiken Griechenland eine Philosophenrichtung gab, der es mehr darum ging, mit rhetorischen Mitteln Versammlungen zu beeinflussen und es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Klar – die Sophisten – da hätte ich auch drauf kommen können – was für eine kongeniale Idee. Die junge Frau ist der schlagende Beweis für den Sinn, die Inspiration und die Aktualität von Altgriechisch an Gymnasien.

Wir sprechen über die Genialität des platonische Sokrates, der im Clinch mit den Sophisten lag. In einem dieser Dialoge sprengt er sogar die Grenzen seiner Sprache, indem er bemerkt, dass das Wort „πειθω“ zwei verschiedene Handlungen bezeichnet („ich überrede“ und „ich überzeuge“). Wir diskutieren in die Richtung, dass guter Journalismus auf keinen Fall „überredet“, sondern wenn dann „überzeugt“, immer aber die Fakten mit einem hohen Maß an Aufrichtigkeit und Umsichtigkeit wiedergibt. Eben wie der platonische Sokrates der Wahrheit verpflichtet ist. Und wenn es nicht die eine Wahrheit gibt, bildet der gute Journalismus dann eben mehrere ab im Vergleich.

Wir sprechen darüber, warum gerade guter Journalismus für eine Demokratie wichtig ist. Klar. Wie soll jemand in seinem Interesse wählen, wenn die Wahrnehmung seiner Welt auf Fakes beruht… Es macht Spass mit den jungen Mitbürger*innen zu diskutieren. Sie sind freundlich, sie sind wach, sie sind alles andere als „geistig eng“. Ich habe eine subjektive Liste mit journalistischen Fakes zusammengestellt, beginnend mit Benjamin Harris, der in seiner Zeitung «Publick Occurrences Both Forreign and Domestick» in Boston am 25.09.1689 gemeine Fake News über Ludwig XIV verbreitete, über Tito, der Figur aus Pitigrillis Roman „Kokain“ von 1922, Janet Cooke, Konrad Kujau bis zu – natürlich – Claas Relotius. Wir besprechen, warum die meisten Fake-News-Produzenten oft über Jahre erfolgreiche ihre Geschichten verkaufen konnten. Weil die meisten von ihnen irgendwann einmal große, wichtige und wahre Geschichten publiziert haben und das Vertrauen ihrer Auftraggeber besaßen. Zum anderen weil sie oft in ihren Geschichten die Vorurteile ihrer Leser bedienen. Sie beschreiben die Welt, wie sie sich der Mainstream vorstellt, statt das bestehende Bild von Dingen, Personen, Gegenden zu konterkarieren.

In einem kurzen Film erklären Albrecht Ude, Michael Hoerz und Marcus Lindemann, mit welchen Werkzeugen und Arbeitsweisen man Fakes oder sogenannte Hoax im Internet entlarven kann. Der Film stammt von der Berliner Journalistenschule (BJS), die vor fast drei Jahren die BJS Aktion „Ein Zelt voller Geschichten“ dokumentieren ließ.

Und plötzlich ist es fünf nach eins und in der Präsentation schlummern noch neun Folien. Die jungen Erwachsenen warten geduldig auf das Schlusswort. Ich verspreche immerhin die Präsentation zu schicken, David Sendelbach überreicht mir einen Jean-Paul-Gymnasiums-Schal, einen Jean-Paul-Gymnasiums-Stift und einen Jean-Paul-Gymnasiums-Schreibblock. Sowas gab es zu meiner Zeit auch nicht. Ein bisschen neidisch bin ich in diesem Moment, denke dann an das expoldierende Auto und bin wieder mit meiner Vergangenheit versöhnt. War gut die Zeit hier an der Schule ganz damals und jetzt auch. Jetzt sogar so gut, dass ich mir überlege wiederzukommen. David Sendelbach fand die 95 Minuten anscheinend auch gut, weil er fragt, ob ich so etwas noch einmal auch ohne „Tag der Pressefreiheit“ in anderen Jahrgangsstufen machen könnte. Vielleicht wird ja so aus dem „Immerhin“, ein „Immerwiederhin“ …

Christopher Bonnen: Keine bekloppten Vorwürfe

 

Christopher Bonnen und Robin Köhler

Christopher Bonnen (56. LR.) war zusammen mit Robin Köhler (55. LR.) am Georg-Büchner-Gymnasium in Kaarst. Vor acht Jahren hat Christopher dort selbst sein Abitur gemacht. Carmen Maiwald (57. LR.) hat ihn zu seinem Schulbesuch befragt:

Hast du von dem Besuch etwas für deine journalistische Praxis mitnehmen können?
Für meine Grundeinstellung konnte ich viel aus dem Schulbesuch mitnehmen. Ich war extrem davon überrascht, wie hoch die Medienkompetenz der Schüler*innen war. Die wussten extrem genau, was guter und schlechter Journalismus ist und haben bei Gesprächen über Themenauswahl direkt mit gesellschaftlicher Relevanz argumentiert. Meine Eindrücke von den Schülern haben mich irgendwie beruhigt. Nicht Zeitung zu lesen ist nicht gleichbedeutend mit mangelnder Medienkompetenz. Die Schüler*innen der 10. und 11. Klasse lesen viel auf News Apps wie Spiegel Online und schauen auch noch lineares Fernsehen wie die Tagesschau. Bei Instagram sind sie übrigens nicht für News.

Was war für dich überraschend an dem Schulbesuch?
Es gab recht wenige Fragen, weil die Schüler*innen sehr viel wussten oder zumindest ein gutes Gespür dafür hatten, nach welchen Logiken Journalismus funktioniert.

Haben die Schülerinnen auch klare Kritik geäußert?
Sie haben aktiv mitgemacht, aber gleichzeitig kamen keine super kritischen Fragen, wo schon der Vorwurf in der Frage steckt. Robin hat einen Film aus seiner Arbeit beim BR gezeigt. Davor haben wir gefragt: In der perfekten Welt, mit wem würdet ihr für einen Beitrag zu dem Thema reden, wenn man alle Gesprächspartner kriegen würde. Nachdem wir uns den Beitrag angeguckt haben, haben wir abgehakt, wer drin war und wer warum nicht. Da kamen von den Schülern auch keine bekloppten Vorschläge oder Vorwürfe, warum ein Gesprächspartner fehlte. Richtig ruhig wurde es dann sogar, als es bei „Fake News“ vs. journalistische Glaubwürdigkeit um Grundsätzliches ging: „Euer Vertrauen, dass wir gut & sauber arbeiten, ist am Ende unsere Währung“ – das hat wohl eingeleuchtet. Es war ein toller Besuch!

Okan Bellikli in Dresden: Sind Redaktionen ein Abbild der Gesellschaft?

Okan Bellikli mit Dresdner Schülerinnen und Schülern

Okan Bellikli (56. Lehrredaktion) ist im Rahmen seines DJS-Abschlusspraktikums gerade bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Am Tag der Pressefreiheit besuchte er in der Landeshauptstadt Sachsens eine zehnte Klasse der 121. Oberschule „Johann Georg Palitzsch“.

Nach mir kam Mathe. Bis dahin ging es um ein bei den Schülerinnen und Schülern beliebteres M: Medien. Das erste Thema war Medienkritik: Etwa, dass viele Medien recht abhängig sind von Nachrichtenagenturen und dass es immer wieder zu „Rudeljournalismus“ kommt. Oder, dass die meisten Redaktionen kein richtiges Abbild der Gesellschaft liefern, was die soziale Herkunft der Mitarbeitenden angeht. Außerdem ging es auch um das Problem Medienkonzentration, also darum, dass ein Großteil der Medien zu einigen wenigen Konzernen gehört. Sowie darum, dass es manchmal Verflechtungen gibt zwischen Medienschaffenden und der Politik beziehungsweise der Wirtschaft.

Die erste Frage an mich war, was ich von Donald Trump halte. Die zweite, welches Meme ich am liebsten mag. Das führte dazu, dass ich selbst neue Memes kennenlernte und den Schülerinnen und Schülern anhand des „Meme Journals“ zeigen konnte, dass man mit Memes auch Journalismus machen kann. Danach ging es die meiste Zeit um Instagram: Die meisten der rund 20 Schülerinnen und Schüler, die größtenteils 16 Jahre alt sind, nutzen das soziale Netzwerk. Wir sprachen darüber, dass die App insgesamt sehr oberflächlich ist, man dort viel Belangloses findet und oft durch sie scrollt, wenn einem langweilig ist. Ich habe dann einige Beispiele von Medien gezeigt, die Instagram nutzen, um Journalismus gerade für junge Leute ansprechend umzusetzen, z.B. die „News-WG“ vom Bayerischen Rundfunk oder der Account von „fluter“, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Für das Instagram-Abschlussprojekt „Total Kommunal“ meiner Klasse, für das wir unter anderem in Dresden waren, habe ich bei der Gelegenheit natürlich auch gleich Werbung gemacht.

Später ging es auch um Arbeitsbedingungen und das Selbstbild von Journalistinnen und Journalisten, auch die Schulleiterin, die mich in ihren Deutschunterricht eingeladen hatte, stellte hierzu einige Fragen. Ein Schüler fragte mich beispielsweise, ob Journalisten eher selbstständig seien oder fest angestellt. Bei der Gelegenheit kam dann zur Sprache, dass die Bezahlung im Journalismus leider nicht immer gut ist. Schade war, was ein Schüler erzählte: Dass er nach seinen anstehenden Abschlussprüfungen sich hätte vorstellen können, eine Ausbildung bei einem regionalen Fernsehsender anzufangen; dass das aber am Mindestalter 18 und am fehlenden Führerschein gescheitert sei. Gefreut hat mich, dass ein anderer Schüler meinte, er könne sich schon vorstellen, irgendwann beruflich in die Richtung zu gehen. Der Punkt war mir im Gespräch mit der Klasse auch wichtig: Man kann immer anfangen, als Journalist zu arbeiten, es gibt keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg oder ein Alter, ab dem es zu spät ist.

Carsten Hauptmeier in Hessen: Dieser Journalist kommt wieder

Carsten Hauptmeier (32. Lehrredaktion) hat Ende April das Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen besucht. Dort ist er zur Schule gegangen. Gestern hat er die Aktion an der Schule seiner Kinder, der Bettinaschule in Frankfurt am Main, wiederholt. Und er ist sicher: Das war nicht das letzte Mal.

Puh, das fordert, aber dennoch könnte es zur Gewohnheit werden: Schülerinnen und Schülern meinen Beruf zu erklären, für Qualitätsjournalismus zu streiten, mich ausfragen und hinterfragen zu lassen. Gleich zweimal ging ich für #journalistenschule an Schulen: am 20. April an meine alten Schule, das Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen, wo 200 Jugendliche in der Aula saßen; und am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, zu immerhin noch 100 Schülern an die Bettinaschule in Frankfurt am Main.

Ich glaube, dass wir alle dabei viel gelernt haben – die Schülerinnen und Schüler hoffentlich, was Fake News und Fakten unterscheidet, wie wichtig verlässliche Quellen sind oder dass Medien in Deutschland nichts verschweigen, aber doch auch auswählen müssen, was sie berichten.

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Trolle am Werk: Twitter und die Aktion #journalistenschule

Zwischenzeitlich war der Hashtag auf Platz vier der am meisten verwendeten Tags. Das Problem: Jeder kann Hashtags verwenden – auch losgelöst von dem eigentlichen Kontext.

Mit #journalistenschule möchten wir Journalismus transparent machen. Wie arbeiten wir? Warum spielen Zeit und Geld auch im Journalismus eine Rolle? Deswegen sind gestern zum Tag der Pressefreiheit rund 100 Alumni der Deutschen Journalistenschule an ihre ehemaligen Schulen gegangen, um mit Schülern ins Gespräch zu kommen. Diese Aktion wurde und wird unter dem Hashtag #journalistenschule im Internet beworben.

 

Dieser Hashtag landete zwischenzeitlich auf Platz vier der am meisten verwendeten Tags. Je höher ein Hashtag in den Trends liegt, desto mehr Aufmerksamkeit erhält er. Damit ist er aber auch anfällig für Missbrauch derjenigen, die gerne Aufmerksamkeit hätten. „Trolle am Werk: Twitter und die Aktion #journalistenschule“ weiterlesen

Dirk Hansen in Bremen: Medienkompetenz aus Sicht des Wissenschaftlers

Dirk Hansen (22. Lehrredaktion) ist nach vielen Jahren Berufspraxis bei Radio Bremen in die Wissenschaft gegangen. Er forscht zum Thema Medienwandel an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Für #journalistenschule hat er schon vor einigen Monaten ein Schulzentrum in Bremen-Walle besucht.

Schule machen – wie geht das künftig im Schlüsselfach Medienkompetenz? Wichtige Frage, denn schließlich wird im Klassenraum das Informationsverständnis der Zukunft ausgebildet. Da muss sich nun auch der Journalismus stärker einbringen.

Eine “Überlebenskompetenz” sei die Medienkompetenz, sagt zum Beispiel die Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt(brema), Cornelia Holsten. Da würde ihr der Kommunikationswissenschaftler Bernhard Pörksen vermutlich zustimmen. Der “redaktionellen Gesellschaft”, in der wir mittlerweile lebten, diagnostiziert er eine bedenkliche “Große Gereiztheit”. Und sein Kollege Lutz M. Hagen von der TU Dresden kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, “dass Nachrichtenkompetenz in der schulischen Bildung vernachlässigt wird.”

Soweit der erzieherische Blick. Jugendliche Nutzer/innen machen ihre eigenen Beobachtungen: Journalisten “stehen unter Sensationsdruck”, berichten “oft ohne Kontext” und “reden manchmal einfach Quatsch”. Vor allem “sind sie hinter dem Format kaum noch sichtbar”. So sehen es Leonie, Nesrin, Lars und Ahmad, die allesamt die Oberstufe an einem Bremer Schulzentrum besuchen.

Wie auch immer man die Sache anguckt – es besteht kommunikativer Handlungsbedarf. Für die Journalisten ist die Kluft zu Teilen der Gesellschaft gefährlich abgründig geraten. Das geht von Irritationen bis hin zur offenen Aggression. Auf Grundvertrauen können die Informationsprofis nicht mehr bauen. Sie brauchen ein tieferes (Ein-) Verständnis für ihre Arbeit und müssen sich deshalb schleunigst auf ihr Publikum zubewegen. „Dirk Hansen in Bremen: Medienkompetenz aus Sicht des Wissenschaftlers“ weiterlesen

Dirk von Gehlen in Nordrhein-Westfalen: Keine Panik vor Fake News

Der Autor und Journalist Dirk von Gehlen (Lehrredaktion 34A) war am 23. April in seiner alten Schule in Mülheim an der Ruhr. Dort hat er darüber gesprochen, warum freie Presse wichtig ist, wie man sich im Netz orientiert und was man tun kann.

Nach der zweiten großen Pause wird aus der kleinen Idee eine unbestreitbar große Sache, zumindest für mich. Ich stehe vor einer neunten Klasse meiner ehemaligen Schule im Ruhrgebiet und beginne gerade die dritte Runde einer Medienkompetenz-Schulung im Rahmen des Projekts #journalistenschule der DJS als einer der Schüler mich erwischt: „Ich glaube“, sagt er kurz nach der Begrüßung, „Sie waren mit meinem Vater in einer Klasse.“ Den Vormittag über habe ich mit drei weiteren neunten Klassen über verlässliche Quellen, den Pressekodex, Qualitätsjournalismus und das Projekt #gegendiepanik gesprochen. Dabei habe ich mich – trotz zahlreicher anderslautender Zeichen – beständig dagegen gewehrt, wehmütig zu werden.

Doch dann stehen plötzlich seine Worte im Raum und ich versuche in seinem Gesicht eine Ähnlichkeit zu finden, zu den Gesichtern, die ich sah als ich zum letzten Mal in dieser Schule war. Das ist fast 25 Jahre her – allein diese Zahl würde ausreichen, um mir mein Alter und die Vergänglichkeit der Welt sichtbar zu machen. Doch jetzt sitzt da ein freundlicher Neuntklässler und bündelt all das in seinem fröhlichen Grinsen. Eine neue Generation, Schülerinnen und Schüler, für die das Internet nicht neu, sondern selbstverständlich ist. Junge Menschen, die (womöglich) lösen werden, was vielen Älteren heute unlösbar erscheint. Wir vergessen das manchmal, weil wir einzig unsere Sozialisation zum Maßstab erheben (und dann wehmütig werden) statt hoffnungsvoll auf die Zukunft zu schauen – in dem Sinn, in dem Rebecca Solnit von der Zukunft spricht.

Ich höre, wie ich ein paar fröhliche Bemerkungen mache, in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen – um vielleicht doch herauszufinden, welchem jungen Mann aus den 1990er Jahren dieser junge Mann aus der neunten Klasse 2018 ähnlich sieht. In meinem Kopf tauchen Bilder von Abifeiern und Klassenfahrten auf. Es wird gesungen und getrunken und ich sehe Mitschüler, in denen ich damals so wenig Familienväter erkannte wie die heutigen Neuntklässler in mir einen erkennen, der doch gerade noch selber auf diesen Stühlen hockte und sich fragte, wann er hier rauskommt.

Als er das Verwandtschaftsverhältnis auflöst, denke ich das erste Mal seit Jahren wieder an den Mitschüler. So wie ich in diesen sechs Stunden auf den Fluren, im Lehrerzimmer und auf dem Schulhof, das erste Mal seit Jahren wieder an meine Schulzeit denke. Dass ich das tue, liegt an Henriette Löwisch, der Schulleitern der Deutschen Journalistenschule (DJS). Als sie unlängst das Amt der Schulleiterin übernahm, brachte sie die Idee zum Projekt #journalistenschule auf. Absolvent*innen der DJS besuchen ihre alten Schulen und sprechen dort über ihren Beruf. Die meisten Kolleg*innen werden das am 3. Mai tun – dem Tag der Pressefreiheit. Sie werden dort tun, was ich (u.a. wegen #rp18-Terminproblemen) schon heute tat: Davon berichten, wie wichtig die freie Presse ist, Grundlagen des Berufs vorstellen und die Stimme erheben gegen Menschen, die Lügenpresse rufen und Fake-News verbreiten.

Wir haben dazu am Gymnasium Broich in Mülheim an der Ruhr ein WhatsApp-Spiel gespielt. Die Schüler*innen sollten mich ihrer Klassen-WhatsApp-Gruppe vorstellen – über biografische Details, die sie beurteilen mussten: Stimmt das oder stimmt es nicht? Und wie findet man heraus, ob Gerüchte wahr sind oder gefälscht? Wie findet man verlässliche Quellen?

Darauf aufbauend haben wir darüber gesprochen, dass im Netz auch die Frage immer wichtiger wird, welche Rolle wir als Nutzer einnehmen. Deshalb haben wir anschließend ausführlich über das Projekt #gegendiepanik gesprochen – in dem wir nach der Paniknacht vom OEZ in München Regeln formulierten, wie man sich gegen Social-Media-Panik wappnen kann. Zwischendurch haben wir ein Rap-Video angeschaut und über die verwirrenden Möglichkeiten der Bildbearbeitung gesprochen.

Das hat Spaß gemacht und hat nicht nur mein Bild auf „früher“ herausgefordert. Es hat mir vor allem gezeigt: Im Umgang mit dem, was wir manchmal „neue Medien“ nennen sind sich Schüler*innen und Schüler und die Generation ihrer Eltern ähnlicher als sie denken. Sie lernen gerade gemeinsam den richtigen Umgang (#smarterphone), das ist nicht immer einfach – aber alles andere als das Ende.