Carsten Hauptmeier in Frankfurt: „Vertrauen ja – bezahlen nein. Wie kann man diese Lücke schließen?“

Carsten Hauptmeier mit Schüler*innen der Bettinaschule Frankfurt am Main
Carsten Hauptmeier mit Schüler*innen der Bettinaschule Frankfurt am Main

Carsten Hauptmeier (32. LR.), Justizkorrespondent AFP, war am Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen (2 Oberstufenkurse, 11. Klasse) und an der Bettinaschule (10. Klasse, auch Gymnasium) in Frankfurt am Main. Kathrin Müller-Lancé (57. LR.) hat ihn zu seinem Besuch befragt:

Welche Fragen haben die Schüler*innen gestellt?
Es kamen eigentlich weniger Fragen, sondern eher Einschätzungen und Vermutungen von den Schüler*innen. Die meisten haben ein Grundvertrauen in die Medien und auch ein gewisses Grundverständnis darüber, wie Medien funktionieren. Bei Großereignissen informieren sie sich vor allem über seriöse Medien, vom Spiegel bis zur Tagesschau. Aber eben eher punktuell, nicht unbedingt regelmäßig, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Einige sind allgemein schon sehr gut informiert, andere nutzen klassische Medienangebote kaum. Soziale Medien – zum Beispiel Instagram – spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Die Erwartungen an Medien sind vielfältig und zum Teil widersprüchlich: Schnelle Informationsangebote wie die Tagesschau in 100 Sekunden werden von manchen geschätzt, andere wünschen sich dagegen auch in Nachrichtensendungen mehr Hintergründe und Erklärungen.

Was hast du bei dem Besuch gelernt?
Ich habe gelernt, dass die Schüler*innen in der Regel eine sachliche, neutrale, ausgewogene Berichterstattung erwarten. Ich habe das Gefühl, dass sie vor allem ernst genommen werden wollen. Sie brauchen nicht unbedingt Kinder- oder Jugendnachrichten, die besonders unterhaltsam oder vermeintlich altersgerecht aufgemacht sind. Aufgefallen ist mir auch, dass viele über bestimmte Ressorts einen Zugang zu Medien bekommen. Zum Beispiel über den Sport – und vielleicht kommen sie durch dieses Eingangstor auch noch zu anderen Themen.

Welche Kritik kam von den Schüler*innen?
Das Grundvertrauen der Schüler*innen steht im Widerspruch zu einer gewissen Skepsis bei einzelnen Jugendlichen. Da gibt es dann auch das diffuse Gefühl, dass die Medien doch etwas verschweigen. Es wird dann zum Beispiel vermutet, dass irgendwelche Großmächte oder die Wirtschaft Einfluss haben. Manche kritisieren auch, dass ihrer Meinung nach zum Teil zu einseitig berichtet wird – sei es über die Türkei, Donald Trump, die Autobranche oder auch über Fußballfans. Gerade in solchen Punkten war es wichtig, ins Gespräch zu kommen.

Was hat dich überrascht?
Viele Schüler*innen waren überraschend stark an Nachrichten aus dem Ausland interessiert. Da kamen zum Beispiel Fragen dazu, warum über den Bürgerkrieg im Jemen viel weniger berichtet wird als über den in Syrien.
Auffällig war auch, wie selbstverständlich es für die Schüler*innen ist, dass Medien kostenlos sind. Dieser Widerspruch treibt mich um: Vertrauen ja – bezahlen nein. Wie kann man diese Lücke schließen? Wie kann man erklären, warum man für Medien bezahlen sollte? Natürlich kann niemand von 16-Jährigen verlangen, dass sie Zeitungsabos abschließen, aber auf der anderen Seite würden sie für andere Angebote auch selbstverständlich zahlen. Zumindest ein Bewusstsein dafür kann auch bei Aktionen wie #journalistenschule geschaffen werden.

Tweet von Carsten Hauptmeier, in dem er schreibt, dass es an der Bettinaschule in Frankfurt jetzt eine Schülerzeitung gibt. Für die Redaktion gab es mit der Aktion #journalistenschule drei Stunden Praxis.
Tweet von Carsten Hauptmeier

Du warst auch im vergangenen Jahr schon an der Bettinaschule. Kurz danach haben sie dort eine Schülerzeitung gegründet. Wie kam’s dazu?
Die Idee kam schon im vergangenen Jahr nach meinem Besuch an der Bettinaschule auf. Es gab entsprechende Wünsche von Schüler*innen und eine engagierte Lehrerin, die eine Schülerzeitung aufbauen wollte. Mein Besuch an der Schule war sicher nicht der entscheidende Anstoß für das Projekt, aber ich konnte vielleicht einen kleinen Beitrag leisten. Jedenfalls wurde ich danach gefragt, ob ich ein wenig helfen könne. Deshalb war ich in den vergangenen Monaten noch zwei Mal an der Schule, um den Schüler*innen Tipps zu geben. Ich werde die Schülerzeitung natürlich auch in Zukunft weiter gerne unterstützen. Für mich ist die Entstehung der Schülerzeitung die beste Nachricht von meinen Besuchen. So bekommen die Schüler tatsächlich einen Einblick in die Praxis und befassen sich nicht nur in der Theorie mit Medien. Dabei lernen sie viel mehr, als wenn ich drei Stunden an die Schule komme. Sie müssen sich zum Beispiel fragen: Darf ich das Foto von diesem Lehrer veröffentlichen oder stehen Persönlichkeitsrechte dagegen? Eignet sich dieses oder jenes Thema eher für einen Bericht oder für einen Kommentar? Wenn ich durch meine Besuche einen kleinen Beitrag zur Entstehung dieser Schülerzeitung leisten konnte, dann waren sie jede Stunde wert. Denn mich treibt nach der zweiten Runde bei der Aktion #journalistenschule vor allem die Frage um: Wie können wir das noch nachhaltiger machen?

Carsten Hauptmeier in Hessen: Dieser Journalist kommt wieder

Carsten Hauptmeier (32. Lehrredaktion) hat Ende April das Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen besucht. Dort ist er zur Schule gegangen. Gestern hat er die Aktion an der Schule seiner Kinder, der Bettinaschule in Frankfurt am Main, wiederholt. Und er ist sicher: Das war nicht das letzte Mal.

Puh, das fordert, aber dennoch könnte es zur Gewohnheit werden: Schülerinnen und Schülern meinen Beruf zu erklären, für Qualitätsjournalismus zu streiten, mich ausfragen und hinterfragen zu lassen. Gleich zweimal ging ich für #journalistenschule an Schulen: am 20. April an meine alten Schule, das Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen, wo 200 Jugendliche in der Aula saßen; und am 3. Mai, dem Tag der Pressefreiheit, zu immerhin noch 100 Schülern an die Bettinaschule in Frankfurt am Main.

Ich glaube, dass wir alle dabei viel gelernt haben – die Schülerinnen und Schüler hoffentlich, was Fake News und Fakten unterscheidet, wie wichtig verlässliche Quellen sind oder dass Medien in Deutschland nichts verschweigen, aber doch auch auswählen müssen, was sie berichten.

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