Eva Heidenfelder: „Jugendliche sind nicht so ahnungslos, wie wir vielleicht glauben“

Foto: Janek Mayer

Die freie Journalistin Eva Heidenfelder (49. LR.) war 2019 sogar an drei Schulen: der Frankenlandschule Walldürn, dem Karl-Ernst-Gymnasium Amorbach und dem Johannes-Butzbach-Gymnasium in. Miltenberg. Greta Prünster (57. LR.) hat sie dazu befragt:

Sie sind #Journalistenschule-Spitzenreiterin, weil Sie gleich an drei Schulen waren. Was für Unterschiede haben Sie festgestellt?
Ich war an einem Wirtschaftsgymnasium sowie an zwei allgemeinbildenden Gymnasien. Unterschiede zwischen den Schularten konnte ich keine feststellen, alle Schüler*innen erwerben ja am Ende die Allgemeine Hochschulreife, die Wirtschaftsgymnasiasten haben lediglich einen stärkeren Fokus auf BWL, VWL und Rechnungswesen. Es gibt immer Jugendliche, die sind total interessiert und beteiligen sich an den Diskussionen oder beantworten mir meine Fragen, andere sind eher passiv bis gelangweilt, unabhängig von Schulart und Bildungsgrad. Bei den beiden allgemeinbildenden Gymnasien fiel natürlich auf, dass Achtklässler noch keine derart ausgeprägte eigene Meinung haben oder sie öffentlich vertreten wie Elft- oder Zwölftklässler. Aber gerade bei den jüngeren Schülern war ich wiederum überrascht, wie fit sie in punkto Medien und Politik schon sind und wie die Älteren auch fast alle eine Nachrichten-App nutzen. Echt stark!

Und wie war der Besuch?
Es war unglaublich aufregend und intensiv! Ich war nach allen drei Doppelstunden, die ich jeweils in den Klassen war, immer mental total fertig, deshalb erst einmal größten Respekt an alle Lehrer*innen da draußen, die diesen Job tagtäglich machen und zwar oft sechs Schulstunden lang oder mehr, fünf Tage die Woche. Auch die Schüler*innen waren trotz straffem Tagespensum bei der Sache. Ich hatte den Eindruck, dass ich sie dafür sensibilisieren konnte, etwas kritischer über den eigenen Umgang mit Medien und Nachrichten nachzudenken, dass guter und seriöser Journalismus nicht zum Nulltarif zu haben ist und dass es wichtig ist, sich aus seiner Filterblasen im Netz herauszubewegen, wenn man ein mündiger Bürger werden möchte. Einige der Schüler*innen durften bei der Europawahl am 26. Mai ja beispielsweise zum ersten Mal wählen.

Welche Fragen haben Sie den Schüler*innen gestellt?

Ich wollte wissen, ob sie den deutschen Medien und Staatsorganen noch vertrauen, sie für glaubwürdig halten. Da kam zum Glück eher ein Nicken aus den Reihen. Allerdings habe ich beschlossen, diese Frage nächstes Jahr in einer Art geheimen Wahl mit Stimmzetteln anonym beantworten zu lassen – der soziale Druck in einer Klassengemeinschaft ist doch recht hoch, viele haben Angst vor blöden Sprüchen seitens der Mitschüler*innen, dann sitzen auch noch die Lehrer*innen dabei und eine wildfremde Frau schaut auch noch zu. Viele trauen sich dann vielleicht nicht, ihre wahre Überzeugung zu sagen. Dann wollte ich noch wissen, wie sie erfahren würden, wenn Angela Merkel zurücktritt, sprich: Woher sie die neusten Nachrichten bekommen. Viele bekommen Push-Nachrichten von Google und klicken an, was sie interessiert. Da konnte ich super einhaken und sie auf die Themen Filterblasen und algorithmengenerierte Inhalte hinweisen, das war vielen glaube ich noch nicht so klar.

Manche haben außerdem „zugegeben“, dass sie nicht immer darauf achten, was die Quelle ist, aber ich glaube, sie werden jetzt verstärkt darauf achten. Auch bei Snapchat und Instagram informieren sich viele. Als glaubwürdige Medien wurden Spiegel Online, t-online, Tagesschau, heute journal, F.A.Z. und Süddeutsche genannt – und der Kicker. Dann wollte ich noch wissen ob sie glauben, dass es einen Unterschied macht, ob ich einen Artikel für die Zeitung oder fürs Netz schreibe. Da haben natürlich alle den Kopf geschüttelt. Gleichzeitig herrscht auch in dieser Generation seitens des Internets noch eine Art Gratismentalität. Klar, die wenigsten in diesem Alter geben ihr Taschengeld für Bezahlinhalte aus. Aber ich hoffe, dass sie mal darüber nachdenken, dass es die eben nicht zum Nulltarif geben kann.

Was haben Sie selbst bei den Besuchen gelernt?
Vor allem eines: Wir Erwachsenen sollten die Jugendlichen nicht unterschätzen, sie sind nicht so ahnungslos in punkto Medien, wie wir vielleicht glauben. Vor allem beim Thema gefakte (Bewegt)-Bilder kann man ihnen nur wenig vormachen. Gleichzeitig war ich dankbar, zu erfahren wie groß der Vertrauensvorschuss noch immer ist, den sie uns Journalist*innen geben, das sollten wir uns immer wieder bei unserer täglichen Arbeit vor Augen führen. Weniger angenehm meine Erkenntnis, da ich ja selbst hauptsächlich für Printmedien arbeite: Ich fürchte, die jetzige Schülergeneration holen wir eher mit Bewegtbild ab. Es nützt nichts sich darüber zu beklagen, dass sie nicht mehr printaffin ist und keine 15.000-Zeichen-Reportagen mehr am Frühstückstisch lesen will. Wir müssen unsere Geschichten mutimedial erzählen und auf Smartphone, Tablet und Co. zuschneiden. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen haben ja auch einen Bildungs- und Informationsauftrag, dem werden sie nicht gerecht, wenn sie so weiter machen wie bisher. Deshalb habe ich den Schüler*innen „So geht Medien“ vom BR warm ans Herz gelegt, die haben für das Webdossier schon viel richtig gemacht.

Außerdem habe ich gelernt, dass man sich im ländlichen Raum und an Schulen echt nicht auf einen komfortablen Internetzugang und die Technik verlassen kann – liebe Bundesländer, die ihr gegen den Digitalpakt sind, nehmt doch bitte das Geld. Am Wirtschaftsgymnasium in Walldürn habe ich außerdem gelernt wie wichtig auch die Rolle der Eltern ist, um den Jugendlichen einen klugen Medienkonsum beizubringen. Die Verantwortung kann hier nicht nur bei Lehrer*innen und Medienmacher*innen verortet werden.

Welche Kritik hatten die Schüler*innen an Journalist*innen?
Hier wurde als größtes Manko die Beliebig- und Austauschbarkeit vieler Online-Medien genannt. „Da schreibt doch einer vom anderen ab“, sagte ein Schüler dazu. Sie wünschen sich mehr Abwechslung und weniger Einheitsbrei. Andererseits hatten manche Schülerinnen und Schüler wiederum den Eindruck, dass manche Medien stärker über die Themen schreiben, die zur eigenen Tendenz passen, zweifelten also ein Stück weit die Neutralität mancher Medien an. Ein Schüler fand es zunächst nicht gut, dass die F.A.Z. vergangenen Herbst einen Gastbeitrag des AfD-Parteivorsitzenden Alexander Gauland veröffentlicht hat. Er war der Meinung, dass dieser Partei und ihren in seinen Augen populistischen Ansichten keine öffentliche Bühne gegeben werden dürfe. Daraus entspann sich eine schöne Diskussion zum Thema Meinungspluralität, denen sich viele unabhängige Medien verpflichtet fühlen. Allgemein sagten ein paar Schüler*innen, dass sie die Themen, die sie direkt betreffen oder für die sie sich interessieren (v.a. Bildung, Klimaschutz, Tierschutz), zu wenig von den Medien beachtet würden und sie es zwar wichtig fänden, über Kriege und Katastrophen informiert zu werden, die Tages- jedoch manchmal besser in Katastrophenschau umbenannt werden sollte. Sie wünschen sich auch mal positive Nachrichten, „sonst stumpft man ab“.

Was würden Sie nächstes Mal anders machen?
In den nächsten Jahren würde ich gerne versuchen, eher einen längeren Workshop am Nachmittag aus #journalistenschule zu machen, dann bleibt mehr Zeit für Diskussionen und die Schüler*innen können sich das, was ich jetzt eher selbst erzählt habe, in Eigenregie erarbeiten.

Matthias Zuber: Was haben Fake News mit Sokrates zu tun?

Matthias Zuber besuchte sein ehemaliges Gymnasium in Hof
Matthias Zuber besuchte sein ehemaliges Gymnasium in Hof

Ein paar subjektive Beobachtungen von Matthias Zuber (31. LR.) zu seinem Besuch im Rahmen der Aktion #journalistenschule am Jean-Paul-Gymnasium in Hof.

Das letzte Mal war ich hier, als ich mein Abiturzeugnis abgeholt habe. Das war vor 32 Jahren und fast schmerzhaft prosaisch. Und jetzt – ich erkenne meine alte Schule wieder. Immerhin. Ich habe schon lange nicht mehr an sie gedacht. Jetzt bin ich hier, um etwas über Pressefreiheit zu erzählen und mit den Schüler*innen der 10. Jahrgangsstufe darüber zu diskutieren. Jean Paul blickt neugierig von seiner Litfaßsäule im Schulhof.

Wie ich so vor meiner alten Schule stehe, blitzen Erinnerungen auf. Unangenehme – zum Beispiel an meinen Physik-Lehrer, an die – wie ich es als Pubertierender empfand. Geistige Enge. Und angenehmee Erinnerungen: An verrückte Videodrehs, in deren Folge ein Auto explodierte. Einsätze von Feuerwehr und Polizei wegen unserer „Kunstaktionen“, wie wir sie nannten. Es gab hier auch Englisch-, Deutsch-, Griechisch-, Kunst- Lehrerinnen und Lehrer, die tatsächlich Lebensweg prägend waren für mich.

In der Aula wirft der Beamer das erste Bild meiner Präsentation an die Leinwand. Die Stühle davor sind noch leer. Es ist 11 Uhr 17. Noch 13 Minuten.

Da steht in Arktisblau, der Trabbi-Farbe: „JOURNFAKEISM?“. „Journfakeism“? Mal echt? – Das ist schon ein wenig platt, denke ich. Gestern sah das noch besser aus und hatte sich auch noch viel besser gelesen. Jetzt ist mir „Journfakeism“ peinlich und ich überlege, die erste Folie noch schnell zu ändern. David Sendelbach, der Deutsch, Geschichte und Sozialkunde unterrichtet, unterbricht den Stream of Consciousness mit einem freundlichen Lächeln und einem Handschlag. Er ist viel jünger als ich, trägt eine Brille und hat eine weiche, freundliche Art. Er hat sich bereit erklärt, zwei seiner raren Sozialkundestunden in der 10. Jahrgangsstufe für unsere Aktion zum Tag der Pressefreiheit zu opfern. Immerhin. Er hatte am Telefon gesagt, dass Fake News ein Thema ist für die Jugendlichen. Warum habe ich mich nur für diese blöde Überschrift entschieden.

David Sendelbach stellt mich kurz vor: Schüler am Jean-Paul-Gymnasium, Philosophiestudium, Deutsche Journalistenschule, freier Autor für Print, Radio und Fernsehen, Produzent, Kameramann, Cutter, eigene, kleine Produktionsfirma in Berlin, Dozent… Der erste Schlag geht gleich mitten ins Getriebe: „Wie frei ist der Autor?“ Ich überlege kurz, welcher Freiheitsbegriff wohl gemeint ist, entscheide mich dann aber gegen eine Proseminarstunde Philosophie und erzähle praktisch aus meiner Arbeitswelt: „Mir läuft eine Geschichte über den Weg“, sage ich, „die mich fasziniert im Positiven wie Negativen und von der ich glaube, dass sie auch andere Menschen interessieren kann. Ich schreibe ein Exposé und biete es verschiedenen Redaktionen an.“ Das ist der Moment der Unfreiheit. Ich bin darauf angewiesen, dass eine Redakteurin, ein Redakteur, die Geschichte haben will. Es kann sein, dass ich als Autor in diesem Stadium Kompromisse machen, die ursprüngliche Geschichte an die Zielsetzungen der Redaktion anpassen muss. Wobei – ich muss gar nicht – ich kann sie auch einer anderen Redaktion anbieten. Im Endeffekt ist das meine Entscheidung. Und: wenn sie keiner kauft, die Geschichte? Na dann muss ich vielleicht doch Kompromisse machen, wenn die Miete noch nicht bezahlt ist in dem Monat – ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass das schon mal so war.

Wenn die Geschichte verkauft ist, bin ich wieder vollkommen frei bis zur Abnahme durch die Redaktion. Ich zeige das Video dem Redakteur, der Redakteurin und gehe auf die nachvollziehbaren und sinnvollen Änderungswünsche ein, auf die nicht nachvollziehbaren nicht. Berufe mich auf mein Recht als Autor. Im schlimmsten Fall ändert die Redaktion das dann doch gegen meinen Willen. Dafür darf dann mein Name nicht im Abspann erscheinen, weil ich mit dem Produkt nicht in Verbindung gebracht werden will. Das ist aber noch nie passiert. Ich fühle mich in meiner Arbeit als Autor also ziemlich frei. Ob das überzeugt hat? Ist das Skepsis im Blick der jungen Frau?

Ich erzähle mehr von meiner Arbeit, von den Geschichten, die ich schon produziert habe, gehe auf Fragen dazu ein und beginne danach mit der Präsentation: Prinz Williams Stinkfinger. Ein Foto, das so aussieht als würde der englische Prinz der Masse den ausgestreckten Mittelfinger entgegenstrecken. Das Bild hatte damals einen Shitstorm in sozialen Netzwerken ausgelöst. Ein Foto, das zum selben Zeitpunkt aus einer anderen Perspektive aufgenommen wurde, zeigt, dass der Prinz in Wirklichkeit drei Finger dem Publikum zeigt. Wir sprechen über Perspektiven und was wohl guten Journalismus von Informationen aus sozialen Netzwerken unterscheidet. Die Schüler*innen bekommen in kurzer Zeit selbständig die wichtigsten journalistischen Kriterien zusammen: immer bis zur eigentlichen Quelle recherchieren, immer auch die andere Seite berücksichtigen und zu Wort kommen lassen, keine Fakten für die Geschichte anpassen oder falsch wiedergeben, andere, vertrauenswürdige Personen gegenlesen, gegensehen, gegenhören lassen.

Das BR-Video über „Lügen im Internet …“ soll weiter ins Thema „Fakes“ führen. „Sind Fakes eine Erscheinung unserer Tage? Erst mit Erfindung des Internets entstanden?“, frage ich nach dem Video. Eine Schülerin meldet sich und sagt, dass es ja schon im antiken Griechenland eine Philosophenrichtung gab, der es mehr darum ging, mit rhetorischen Mitteln Versammlungen zu beeinflussen und es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Klar – die Sophisten – da hätte ich auch drauf kommen können – was für eine kongeniale Idee. Die junge Frau ist der schlagende Beweis für den Sinn, die Inspiration und die Aktualität von Altgriechisch an Gymnasien.

Wir sprechen über die Genialität des platonische Sokrates, der im Clinch mit den Sophisten lag. In einem dieser Dialoge sprengt er sogar die Grenzen seiner Sprache, indem er bemerkt, dass das Wort „πειθω“ zwei verschiedene Handlungen bezeichnet („ich überrede“ und „ich überzeuge“). Wir diskutieren in die Richtung, dass guter Journalismus auf keinen Fall „überredet“, sondern wenn dann „überzeugt“, immer aber die Fakten mit einem hohen Maß an Aufrichtigkeit und Umsichtigkeit wiedergibt. Eben wie der platonische Sokrates der Wahrheit verpflichtet ist. Und wenn es nicht die eine Wahrheit gibt, bildet der gute Journalismus dann eben mehrere ab im Vergleich.

Wir sprechen darüber, warum gerade guter Journalismus für eine Demokratie wichtig ist. Klar. Wie soll jemand in seinem Interesse wählen, wenn die Wahrnehmung seiner Welt auf Fakes beruht… Es macht Spass mit den jungen Mitbürger*innen zu diskutieren. Sie sind freundlich, sie sind wach, sie sind alles andere als „geistig eng“. Ich habe eine subjektive Liste mit journalistischen Fakes zusammengestellt, beginnend mit Benjamin Harris, der in seiner Zeitung «Publick Occurrences Both Forreign and Domestick» in Boston am 25.09.1689 gemeine Fake News über Ludwig XIV verbreitete, über Tito, der Figur aus Pitigrillis Roman „Kokain“ von 1922, Janet Cooke, Konrad Kujau bis zu – natürlich – Claas Relotius. Wir besprechen, warum die meisten Fake-News-Produzenten oft über Jahre erfolgreiche ihre Geschichten verkaufen konnten. Weil die meisten von ihnen irgendwann einmal große, wichtige und wahre Geschichten publiziert haben und das Vertrauen ihrer Auftraggeber besaßen. Zum anderen weil sie oft in ihren Geschichten die Vorurteile ihrer Leser bedienen. Sie beschreiben die Welt, wie sie sich der Mainstream vorstellt, statt das bestehende Bild von Dingen, Personen, Gegenden zu konterkarieren.

In einem kurzen Film erklären Albrecht Ude, Michael Hoerz und Marcus Lindemann, mit welchen Werkzeugen und Arbeitsweisen man Fakes oder sogenannte Hoax im Internet entlarven kann. Der Film stammt von der Berliner Journalistenschule (BJS), die vor fast drei Jahren die BJS Aktion „Ein Zelt voller Geschichten“ dokumentieren ließ.

Und plötzlich ist es fünf nach eins und in der Präsentation schlummern noch neun Folien. Die jungen Erwachsenen warten geduldig auf das Schlusswort. Ich verspreche immerhin die Präsentation zu schicken, David Sendelbach überreicht mir einen Jean-Paul-Gymnasiums-Schal, einen Jean-Paul-Gymnasiums-Stift und einen Jean-Paul-Gymnasiums-Schreibblock. Sowas gab es zu meiner Zeit auch nicht. Ein bisschen neidisch bin ich in diesem Moment, denke dann an das expoldierende Auto und bin wieder mit meiner Vergangenheit versöhnt. War gut die Zeit hier an der Schule ganz damals und jetzt auch. Jetzt sogar so gut, dass ich mir überlege wiederzukommen. David Sendelbach fand die 95 Minuten anscheinend auch gut, weil er fragt, ob ich so etwas noch einmal auch ohne „Tag der Pressefreiheit“ in anderen Jahrgangsstufen machen könnte. Vielleicht wird ja so aus dem „Immerhin“, ein „Immerwiederhin“ …

Der Medienspiegel 2019

Florian Neuhann (39. LR.) besuchte das Gymnasium am Tannenberg in Grevesmühlen. Die Ostsee-Zeitung schrieb darüber:

„Wie schnell eine falsche Nachricht heute ihren Weg zu den Menschen findet, das zeigte er den Jugendlichen anhand kurzer Videos. „Seid kritisch“, gab er den Schülern mit auf den Weg. „Und überlegt, ob die Quelle glaubwürdig ist.“ Denn das müssten Journalisten auch bei ihrer täglichen Arbeit beachten. Und nein, Politiker hätten keinen Einfluss auf die Nachrichten. Und über den Inhalt der Sendungen würde allein die Redaktion entscheiden“

Das Solinger Tageblatt berichtete über den Schulbesuch von Katja Mitic (41. LR.) am August-Dicke-Gymnasium:

„Die stellvertretende Nachrichten-Chefin der überregionalen Zeitung Welt brach eindringlich eine Lanze für die Attribute kritisch, tolerant und diskussionsbereit. Nicht nur im Hinblick auf mögliche Fake-News, die es etwa im Netz entlarven gelte, sei es geboten, zu hinterfragen.“

Matthias Kirsch (56. LR.) war an seinem ehemaligen Lycée Aline Mayrisch in Luxemburg. Dort arbeitet mittlerweile DJS-Alumni Judith Reicherzer (23. LR.) als Lehrerin. RTL Luxemburg hat seinen Besuch gefilmt. (Und auch Menschen, die kein luxemburgisch können, können den Beitrag verstehen.)

Die Märkische Allgemeine begleitete Markus Baluska (27. LR.) an die Libertasschule in Löwenberg:

„So erfuhren die Schüler, dass die Pressefreiheit in Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland verankert ist. Dort sei zum Beispiel nachzulesen, dass es keine Zensur gebe. Jeder Journalist dürfe frei seine Meinung äußern – mit einer Einschränkung: Sie müsse der Wahrheit entsprechen und dürfe andere Menschen nicht beleidigen oder diffamieren.“

Eva Heidenfelder (49. LR.) war an der Frankenlandschule in Walldürn. Dabei begleitete sie die RNZ und zog folgendes Fazit:

„Die von den Lehrern propagierte Medienkompetenz ist also ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum mündigen Bürger, der sich selbst informiert, aber auch andere Meinungen zulässt und sich damit auseinandersetzt. Die Walldürner Schüler entlässt Heidenfelder mit einem letzten Appell: Seid nett zueinander und achtsam und stellt euch gegen das hasserfüllte Klima in den sozialen Medien.“

Bernd Oswald (35. LR.) hat auf seinem Blog auf seinen Besuch am Ernst-Mach-Gymnasiums in Haar zurückgeblickt.

„Auch in der abschließenden Fragerunde zeigte sich, dass die Schüler die Arbeit von Journalisten sehr gut reflektieren können. So fragte mich ein Schüler: Was halten Sie von dem Trend, dass sich Politiker immer lieber mehr online in eigenen Portalen sei es auf Instagram oder auf Websites von der Regierung präsentieren anstatt Fragen von Reportern oder Journalisten zu beantworten?“

Weitere Berichte in Tageszeitungen:

  • Die Frankenpost schrieb über den Schulbesuch von Matthias Zuber (31. LR.) am Jean Paul Gymnasium in Hof.
  • Die Windsheimer Zeitung berichtete über den Workshop von Steffi Fetz (50. LR.) am Georg-Wilhelm-Steller Gymnasium in Bad Windsheim.

Stefan Maier in Haag: „Es ist wirklich Interesse an unserem Beruf da“

Stefan Maier (22. LR.) leitet den Programmbereich Bayern 2 und besuchte die Realschule Haag in Oberbayern. Die Fragen stellte Patrick Wagner (57. LR.).

Was ist dir von der Aktion #journalistenschule besonders in Erinnerung geblieben?
Haag ist doch ein gutes Stück entfernt von München, deshalb bin ich schon am Vorabend hingefahren und hab dann mit meinem Bus auf dem Parkplatz der Realschule übernachtet. Am morgen wurde ich dann von einer Lehrerin mit frischen Butterbrezen empfangen. Das fand ich sehr nett. Auch der Direktor, die anderen Lehrer*innen und die Schüler*innen haben mich sehr herzlich empfangen. Alle waren Feuer und Flamme für den Workshop.

Was hat dich denn an dem Tag positiv überrascht?
Ich habe den Schüler*innen der neunten Klasse einen Packen Meldungen mitgebracht. Wichtige und unwichtige. Dann haben wir gemeinsam überlegt, welche Nachrichten relevant und welche irrelevant sind. Da war das Votum einstimmig. Ereignisse wie der Brand der Notre Dame oder der Busunfall in Madeira fanden sie wichtig.

Was hast du denn bei der Übung eigentlich erwartet?
Ich habe befürchtet, dass der ganze Social-Media-Quark für die jungen Schüler*innen viel interessanter wäre. Dieser Verdacht hat sich zum Glück nicht bestätigt. Themen, die kaum relevant sind, haben auch bei denen keinen Platz. Da unterscheiden sich die Neuntklässler*innen von heute kaum von meinen Kommiliton*innen an der DJS damals.

Und was hat dich negativ überrascht?
Bei uns im BR wird das Thema Podcast ziemlich gepusht. Wir glauben, dass wir damit die jungen Leute erreichen. Als ich gefragt habe, wer von den Schüler*innen Podcast hört, haben sich nur wenige gemeldet. Das war ziemlich ernüchternd. Da stimmt unser eigenes Wunschdenken wohl doch nicht mit der Realität überein.

Und was wollten die Schüler*innen von dir wissen?
Das waren teilweise ganz banale Fragen wie: Wie kann man eigentlich Journalist*in werden? Fragen, die gezeigt haben, dass wirklich Interesse an unserem Beruf da ist. Das hat mich beeindruckt. Wir haben dann gemeinsam erarbeitet, was für Medienmarken die Schüler*innen so kennen. Da waren die Süddeutsche Zeitung, der Münchner Merkur und Lokalblätter in und um Haag eigentlich allen ein Begriff. Das fand ich sehr erfreulich. Offensichtlich spielt der Journalismus bei den Schüler*innen der neunten Klasse bereits eine wichtige Rolle. Eine Schülerin war so aufgeweckt und interessiert, da kann ich mir gut vorstellen, dass wir die bald wiedersehen. Entweder bei euch in der DJS oder bei mir im BR. Ich glaube, die hat Blut geleckt.

Gibt es etwas, das du von deinem Besuch mitnimmst?
Zuhören und auch vermeintlich banale Dinge nicht für selbstverständlich erachten. Ich hatte an der Schule ein Radio dabei und habe dann die BR-Wellen durchgeklickt, um den Schüler*innen die Unterschiede in den Programmen zu zeigen. Einige haben da ganz große Augen bekommen und waren ganz überrascht, dass der BR so viele verschiedene Programme anbietet.

Was können wir als Journalist*innen in unserer Berichterstattung besser machen?
Das, was immer gilt. Viel erklären und alles transparent machen. Als ich das Thema Meldungen durchgegangen bin, habe ich erstmal erklärt, wo wir das Material herbekommen, mit dem wir arbeiten. Das war ein Exkurs, der für die Schüler*innen total interessant war. Zu erfahren, da gibt es Meldungen und wir Journalist*innen kuratieren und überprüfen die nach bestimmten Kriterien. Auch wenn das für uns selbstverständlich ist. Wir haben es ja nicht mit Profis, sondern ganz normalen Hörer*innen zu tun, die einen Anspruch darauf haben, Sachen erklärt zu bekommen.

Christopher Bonnen: Keine bekloppten Vorwürfe

 

Christopher Bonnen und Robin Köhler

Christopher Bonnen (56. LR.) war zusammen mit Robin Köhler (55. LR.) am Georg-Büchner-Gymnasium in Kaarst. Vor acht Jahren hat Christopher dort selbst sein Abitur gemacht. Carmen Maiwald (57. LR.) hat ihn zu seinem Schulbesuch befragt:

Hast du von dem Besuch etwas für deine journalistische Praxis mitnehmen können?
Für meine Grundeinstellung konnte ich viel aus dem Schulbesuch mitnehmen. Ich war extrem davon überrascht, wie hoch die Medienkompetenz der Schüler*innen war. Die wussten extrem genau, was guter und schlechter Journalismus ist und haben bei Gesprächen über Themenauswahl direkt mit gesellschaftlicher Relevanz argumentiert. Meine Eindrücke von den Schülern haben mich irgendwie beruhigt. Nicht Zeitung zu lesen ist nicht gleichbedeutend mit mangelnder Medienkompetenz. Die Schüler*innen der 10. und 11. Klasse lesen viel auf News Apps wie Spiegel Online und schauen auch noch lineares Fernsehen wie die Tagesschau. Bei Instagram sind sie übrigens nicht für News.

Was war für dich überraschend an dem Schulbesuch?
Es gab recht wenige Fragen, weil die Schüler*innen sehr viel wussten oder zumindest ein gutes Gespür dafür hatten, nach welchen Logiken Journalismus funktioniert.

Haben die Schülerinnen auch klare Kritik geäußert?
Sie haben aktiv mitgemacht, aber gleichzeitig kamen keine super kritischen Fragen, wo schon der Vorwurf in der Frage steckt. Robin hat einen Film aus seiner Arbeit beim BR gezeigt. Davor haben wir gefragt: In der perfekten Welt, mit wem würdet ihr für einen Beitrag zu dem Thema reden, wenn man alle Gesprächspartner kriegen würde. Nachdem wir uns den Beitrag angeguckt haben, haben wir abgehakt, wer drin war und wer warum nicht. Da kamen von den Schülern auch keine bekloppten Vorschläge oder Vorwürfe, warum ein Gesprächspartner fehlte. Richtig ruhig wurde es dann sogar, als es bei „Fake News“ vs. journalistische Glaubwürdigkeit um Grundsätzliches ging: „Euer Vertrauen, dass wir gut & sauber arbeiten, ist am Ende unsere Währung“ – das hat wohl eingeleuchtet. Es war ein toller Besuch!

Carsten Hauptmeier in Frankfurt: „Vertrauen ja – bezahlen nein. Wie kann man diese Lücke schließen?“

Carsten Hauptmeier mit Schüler*innen der Bettinaschule Frankfurt am Main
Carsten Hauptmeier mit Schüler*innen der Bettinaschule Frankfurt am Main

Carsten Hauptmeier (32. LR.), Justizkorrespondent AFP, war am Immanuel-Kant-Gymnasium in Bad Oeynhausen (2 Oberstufenkurse, 11. Klasse) und an der Bettinaschule (10. Klasse, auch Gymnasium) in Frankfurt am Main. Kathrin Müller-Lancé (57. LR.) hat ihn zu seinem Besuch befragt:

Welche Fragen haben die Schüler*innen gestellt?
Es kamen eigentlich weniger Fragen, sondern eher Einschätzungen und Vermutungen von den Schüler*innen. Die meisten haben ein Grundvertrauen in die Medien und auch ein gewisses Grundverständnis darüber, wie Medien funktionieren. Bei Großereignissen informieren sie sich vor allem über seriöse Medien, vom Spiegel bis zur Tagesschau. Aber eben eher punktuell, nicht unbedingt regelmäßig, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Einige sind allgemein schon sehr gut informiert, andere nutzen klassische Medienangebote kaum. Soziale Medien – zum Beispiel Instagram – spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Die Erwartungen an Medien sind vielfältig und zum Teil widersprüchlich: Schnelle Informationsangebote wie die Tagesschau in 100 Sekunden werden von manchen geschätzt, andere wünschen sich dagegen auch in Nachrichtensendungen mehr Hintergründe und Erklärungen.

Was hast du bei dem Besuch gelernt?
Ich habe gelernt, dass die Schüler*innen in der Regel eine sachliche, neutrale, ausgewogene Berichterstattung erwarten. Ich habe das Gefühl, dass sie vor allem ernst genommen werden wollen. Sie brauchen nicht unbedingt Kinder- oder Jugendnachrichten, die besonders unterhaltsam oder vermeintlich altersgerecht aufgemacht sind. Aufgefallen ist mir auch, dass viele über bestimmte Ressorts einen Zugang zu Medien bekommen. Zum Beispiel über den Sport – und vielleicht kommen sie durch dieses Eingangstor auch noch zu anderen Themen.

Welche Kritik kam von den Schüler*innen?
Das Grundvertrauen der Schüler*innen steht im Widerspruch zu einer gewissen Skepsis bei einzelnen Jugendlichen. Da gibt es dann auch das diffuse Gefühl, dass die Medien doch etwas verschweigen. Es wird dann zum Beispiel vermutet, dass irgendwelche Großmächte oder die Wirtschaft Einfluss haben. Manche kritisieren auch, dass ihrer Meinung nach zum Teil zu einseitig berichtet wird – sei es über die Türkei, Donald Trump, die Autobranche oder auch über Fußballfans. Gerade in solchen Punkten war es wichtig, ins Gespräch zu kommen.

Was hat dich überrascht?
Viele Schüler*innen waren überraschend stark an Nachrichten aus dem Ausland interessiert. Da kamen zum Beispiel Fragen dazu, warum über den Bürgerkrieg im Jemen viel weniger berichtet wird als über den in Syrien.
Auffällig war auch, wie selbstverständlich es für die Schüler*innen ist, dass Medien kostenlos sind. Dieser Widerspruch treibt mich um: Vertrauen ja – bezahlen nein. Wie kann man diese Lücke schließen? Wie kann man erklären, warum man für Medien bezahlen sollte? Natürlich kann niemand von 16-Jährigen verlangen, dass sie Zeitungsabos abschließen, aber auf der anderen Seite würden sie für andere Angebote auch selbstverständlich zahlen. Zumindest ein Bewusstsein dafür kann auch bei Aktionen wie #journalistenschule geschaffen werden.

Tweet von Carsten Hauptmeier, in dem er schreibt, dass es an der Bettinaschule in Frankfurt jetzt eine Schülerzeitung gibt. Für die Redaktion gab es mit der Aktion #journalistenschule drei Stunden Praxis.
Tweet von Carsten Hauptmeier

Du warst auch im vergangenen Jahr schon an der Bettinaschule. Kurz danach haben sie dort eine Schülerzeitung gegründet. Wie kam’s dazu?
Die Idee kam schon im vergangenen Jahr nach meinem Besuch an der Bettinaschule auf. Es gab entsprechende Wünsche von Schüler*innen und eine engagierte Lehrerin, die eine Schülerzeitung aufbauen wollte. Mein Besuch an der Schule war sicher nicht der entscheidende Anstoß für das Projekt, aber ich konnte vielleicht einen kleinen Beitrag leisten. Jedenfalls wurde ich danach gefragt, ob ich ein wenig helfen könne. Deshalb war ich in den vergangenen Monaten noch zwei Mal an der Schule, um den Schüler*innen Tipps zu geben. Ich werde die Schülerzeitung natürlich auch in Zukunft weiter gerne unterstützen. Für mich ist die Entstehung der Schülerzeitung die beste Nachricht von meinen Besuchen. So bekommen die Schüler tatsächlich einen Einblick in die Praxis und befassen sich nicht nur in der Theorie mit Medien. Dabei lernen sie viel mehr, als wenn ich drei Stunden an die Schule komme. Sie müssen sich zum Beispiel fragen: Darf ich das Foto von diesem Lehrer veröffentlichen oder stehen Persönlichkeitsrechte dagegen? Eignet sich dieses oder jenes Thema eher für einen Bericht oder für einen Kommentar? Wenn ich durch meine Besuche einen kleinen Beitrag zur Entstehung dieser Schülerzeitung leisten konnte, dann waren sie jede Stunde wert. Denn mich treibt nach der zweiten Runde bei der Aktion #journalistenschule vor allem die Frage um: Wie können wir das noch nachhaltiger machen?

Okan Bellikli in Dresden: Sind Redaktionen ein Abbild der Gesellschaft?

Okan Bellikli mit Dresdner Schülerinnen und Schülern

Okan Bellikli (56. Lehrredaktion) ist im Rahmen seines DJS-Abschlusspraktikums gerade bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Am Tag der Pressefreiheit besuchte er in der Landeshauptstadt Sachsens eine zehnte Klasse der 121. Oberschule „Johann Georg Palitzsch“.

Nach mir kam Mathe. Bis dahin ging es um ein bei den Schülerinnen und Schülern beliebteres M: Medien. Das erste Thema war Medienkritik: Etwa, dass viele Medien recht abhängig sind von Nachrichtenagenturen und dass es immer wieder zu „Rudeljournalismus“ kommt. Oder, dass die meisten Redaktionen kein richtiges Abbild der Gesellschaft liefern, was die soziale Herkunft der Mitarbeitenden angeht. Außerdem ging es auch um das Problem Medienkonzentration, also darum, dass ein Großteil der Medien zu einigen wenigen Konzernen gehört. Sowie darum, dass es manchmal Verflechtungen gibt zwischen Medienschaffenden und der Politik beziehungsweise der Wirtschaft.

Die erste Frage an mich war, was ich von Donald Trump halte. Die zweite, welches Meme ich am liebsten mag. Das führte dazu, dass ich selbst neue Memes kennenlernte und den Schülerinnen und Schülern anhand des „Meme Journals“ zeigen konnte, dass man mit Memes auch Journalismus machen kann. Danach ging es die meiste Zeit um Instagram: Die meisten der rund 20 Schülerinnen und Schüler, die größtenteils 16 Jahre alt sind, nutzen das soziale Netzwerk. Wir sprachen darüber, dass die App insgesamt sehr oberflächlich ist, man dort viel Belangloses findet und oft durch sie scrollt, wenn einem langweilig ist. Ich habe dann einige Beispiele von Medien gezeigt, die Instagram nutzen, um Journalismus gerade für junge Leute ansprechend umzusetzen, z.B. die „News-WG“ vom Bayerischen Rundfunk oder der Account von „fluter“, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung. Für das Instagram-Abschlussprojekt „Total Kommunal“ meiner Klasse, für das wir unter anderem in Dresden waren, habe ich bei der Gelegenheit natürlich auch gleich Werbung gemacht.

Später ging es auch um Arbeitsbedingungen und das Selbstbild von Journalistinnen und Journalisten, auch die Schulleiterin, die mich in ihren Deutschunterricht eingeladen hatte, stellte hierzu einige Fragen. Ein Schüler fragte mich beispielsweise, ob Journalisten eher selbstständig seien oder fest angestellt. Bei der Gelegenheit kam dann zur Sprache, dass die Bezahlung im Journalismus leider nicht immer gut ist. Schade war, was ein Schüler erzählte: Dass er nach seinen anstehenden Abschlussprüfungen sich hätte vorstellen können, eine Ausbildung bei einem regionalen Fernsehsender anzufangen; dass das aber am Mindestalter 18 und am fehlenden Führerschein gescheitert sei. Gefreut hat mich, dass ein anderer Schüler meinte, er könne sich schon vorstellen, irgendwann beruflich in die Richtung zu gehen. Der Punkt war mir im Gespräch mit der Klasse auch wichtig: Man kann immer anfangen, als Journalist zu arbeiten, es gibt keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg oder ein Alter, ab dem es zu spät ist.

Ursula Ott in Stuttgart: Pressefreiheit in Russland und Sex in der Bibel

Ursula Ott (22. LR.) ist Chefredakteurin von „chrismon“. Am Tag der Pressefreiheit 2019 hat sie die Gablenbergschule in Stuttgart besucht. Ihre Eindrücke:

Eigentlich müssten alle Journalistinnen und Journalisten einmal im Jahr in die Schule. Schon um sich diese Basic-Fragen selber zu stellen: Ist das Ihr Traumberuf? – Ähm, ja, war es mal, grade fühlt er sich nicht so cool an. Was dürfen Journalisten gar nicht? – Lügen. Sich kaufen lassen. Langweilen. In welches Land würden Sie im Moment nicht reisen für ein Interview? Da wird es schon echt blamabel. Syrien und Nordirak, sag ich. Da kommt aber ein Schüler her. In die Türkei, sage ich, da zucken schon ein paar mehr. Und ich komme mir vor wie ein feiges Huhn bei der nächsten Frage: Sind Sie schon mal bedroht worden? – Na danke, dass mich letztes Jahr die Lebensschützer und die AfD auf dem Kieker hatten. Sonst hätte und habe ich definitiv weniger riskiert in meinem langen Leben als manche dieser Kinder in ihrem kurzen.

Willkommen in der Gablenbergschule, Werkrealschule im Stuttgarter Osten. Reste-Schule nennen sie uns, sagt der Schulleiter grimmig , jedes Jahr muss er zittern, dass er eine fünfte Klasse zustande bekommt. Ein Achtel der Lehrerstellen sind unbesetzt. Heute fehlen leider auch zehn Schüler aus der 10a und b. Ohne Entschuldigung.

Dass die anderen da sind, „Herzlich Willkommen“ an die Tafel geschrieben haben und zwei Seiten mit wirklich guten Fragen vorbereitet haben – verdanken wir alle zusammen der Lehrerin Ulrike Holoch-Karpf. Ihre Kollegin kennt meinen Schwager Volker Göbel, dessen Ott-Göbel-Jugendstiftung wiederum unsere Aktion #journalistenschule 2019 finanziell fördert. Und so kam es, dass ich dieses Jahr nicht an meine Heimatschule ging, sondern an diese Werkrealschule, früher hieß sie Hauptschule.
Das war eine gute Idee. Nachdem ich letztes Jahr die verschnöselten Abiturienten hatte, deren Eltern aber immerhin noch die „Schwäbische Zeitung“ abonniert haben, jetzt also – wie sagte mir der Schulleiter – das reale Leben. Hat heute schon jemand eine Zeitung in der Hand gehabt? Ja, weil Frau Holoch einen Artikel über Leonardo Da Vinci mitbrachte. Jeden Tag bringt sie einen Artikel mit. „Steht ja so viel drin“, sagt sie. Jeden Tag!

Wenn sie nicht wäre – kämen Zeitungen egal in welchem Aggregatszustand einfach nicht vor hier. Zeitung? „Meinen Sie das, was bei uns immer im Hausflur liegt, obwohl wir einen Aufkleber haben, dass wir keine Werbung wollen?“ Manchmal, sagt einer, liege ein umsonst verteiltes Blatt in diesem – wie sagt man zu dem Ding an der Haustür? Und doch wissen die Mädels und Jungs ganz gut Bescheid, was los ist in der Welt. Anhand der „Reporter-ohne-Grenzen“-Karte reden wir über Wladimir Putin und Fake News, über Afghanistan und über ermordete Journalisten in Saudi-Arabien.

Ich habe gestern mittag um 12 von T-Online und Spiegel Online zehn Meldungen abgegriffen, aus denen Schülerinnen und Schüler eine Radiosendung machen sollen. Super Diskussion. Der Autofahrer, der von der Sonne geblendet in eine Schranke rast – ist der wichtiger als sechs Tote im Gazastreifen? Nein, aber wichtiger als die Fabrikexplosion mit zehn Toten in den USA, oder? Und der neue PC Virus, der muss dringend rein.
Surprise: auch für die Kirche interessieren sich diese 17-Jährigen. „Sex in der Bibel“– warum haben wir ausgerechnet diese Zeile auf den Titel von chrismon genommen? Und stimmt es, was sie auf facebook gefunden haben: Dass ein evangelischer Pfarrer in Stuttgart sich weigert Schwule zu trauen? Ja, das stimmt leider. Kirche erklären ist noch anspruchsvoller als Medien erklären.

Ich mag diese Klasse. Sie sind interessiert, sie trauen sich auch Vorurteile vorzubringen („Kennen Sie Frau Merkel?“) – und zum Abschied gibt’s Kekse. Ob sie jetzt berühmt werden, kann ich nicht ohne weiteres versprechen. Aber ich bin froh, dass mein Medium mit 2360 Followern auf Instagram immerhin vorkommt, sonst würden wir uns wahrscheinlich medial nie wieder sehen. Den einzigen richtigen Clash of Cultures hatte ich übrigens mit dem schwäbischen Hausmeister. Er hat am 1. Mai die Heizung abgestellt, und in diesem Musikraum war es so eisig, dass in unserer chrismon-Redaktion sofort der Betriebsrat intervenieren würde. Aber ist ja nur eine Schule.

Marie von Mallinckrodt und Kai Schächtele in Berlin: Von Panzerbauern, der Bild-Zeitung und mazedonischen Bloggern

Marie von Mallinckrodt (45. LR) arbeitet im ARD-Hauptstadtstudio, Kai Schächtele (35. LR) ist selbstständiger Journalist (www.kaischaechtele.de). Gemeinsam besuchten sie eine 12. Klasse der Rütli-Schule in Berlin.

Bei dem Wort „Panzerbauer“ werden auch die Jungs in der letzten Reihe hellhörig. Doch eigentlich ist es schon eine lebendige Debatte. Es sind die kleinen Details und die großen Fragen, die die Schülerinnen und Schüler der Rütli-Schule interessieren. Sie besuchen die 12. Klasse, Nachrichten finden die einen bei Facebook, Youtube und in der vorsortierten News-Auswahl ihrer Smartphones. Andere haben die App einer Zeitung oder eines Magazins auf dem Telefon, und einige lesen tatsächlich immer noch eine Tageszeitung.

Es geht um objektiven Nachrichtenjournalismus, den Wert und die Verantwortung der 4. Gewalt, die Aufgabe, ein Thema von möglichst allen Seiten zu betrachten. Wenn man also über Verteidigungspolitik berichtet, muss man sich neben den Parlamentariern, der Ministeriumsseite und der Bundeswehr eben auch mal die Seite der Industrie anhören. Kurz, es geht um einen in einer liberalen Demokratie ohnehin wichtigen Wert: dem anderen zuhören.

Richtig groß wird die Aufmerksamkeit bei der Geschichte aus der mazedonischen Stadt, die die US-amerikanische Wired recherchiert und die deutsche Wired in ihrer deutschen Ausgabe nachgedruckt hatte. Wegen der miserablen Jobaussichten in ihrer Heimatstadt Veles bauten Blogger im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ein Geschäft auf mit dem Kopieren gefälschter Nachrichten: Auf mindestens 100 registrierten Pro-Trump-Websites veröffentlichten sie zum Beispiel Meldungen über den – nie passierten – Tod eines FBI-Agenten, der in der vermeintlichen Kinderporno-Affäre von Hillary Clinton ermitteln sollte, und strichen Einnahmen über Google-Ads ein. Wie einfach es in der digitalen Welt ist, Nachrichten so wirken zu lassen, als kämen sie aus einer seriösen Quelle, ist für viele ein Augenöffner.

Und so entwickelt sich zum Ende eine lebendige Diskussion darüber, warum die Bild-Zeitung im Moment so viel Stimmung macht gegen Flüchtlinge und Migranten und ob man sie genauso der Lüge bezichtigen kann wie mazedonische Blogger. Und darüber, woran man im Netz eine seriöse Quelle erkennt. Dass es nicht reicht, etwas zu glauben, was eine gute Freundin auf Facebook gepostet hat, die es wiederum von ihrem besten Freund hat, der es von einer Nachbarin gehört hat, zeigt ein Video aus der Serie „so geht MEDIEN“, die 2018 zurecht für den Grimme Online Award nominiert war.

Nach 90 Minuten, die viel zu schnell vergangen sind, sagt uns der Lehrer der Klasse: „Ich will sie jetzt aber nicht entlassen, ohne von Ihnen das Versprechen zu haben, Sie wieder kontaktieren zu dürfen.“ Das Versprechen haben wir ihm gern gegeben.

Der Medienspiegel zum Projekt #journalistenschule

Quer durch Deutschland haben Zeitungen, Sender und Online-Sites über das Projekt #journalistenschule berichtet. Eine Presseschau von Lena Puttfarcken. 

Henriette Löwisch (Schulleiterin DJS, 25. Lehrredaktion) sprach im Vorfeld mit der Süddeutschen Zeitung über das Projekt #journalistenschule:

„Wir wollen ein Gespräch in Gang setzen und die nächste Generation zum Nachdenken bringen. Darum reden einige Absolventen in ihren alten Schulen darüber, was Journalismus ist, worauf man sich verlassen kann und worauf nicht. Besonders an unserem Projekt ist die persönliche Ebene. Die Alumni diskutieren dort, wo sie früher selbst die Schulbank gedrückt haben. Wir glauben, dass wir das Vertrauen in den Journalismus mit direktem Kontakt wieder stärken können.“

Aud Krubert (42. Lehrredaktion) und Lan-Na Grosse (51. Lehrredaktion) besuchten das Gymnasium in Templin. Der Nordkurier hat darüber berichtet und zieht ein Fazit: „Der Medienspiegel zum Projekt #journalistenschule“ weiterlesen