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Ursula Ott in Baden-Württemberg: Über kritische Berichterstattung und Zeitdruck

Ursula Ott (Lehrredaktion 22) ist seit 2015 Chefredakteurin von „chrismon“. Im Rahmen der Aktion #journalistenschule hat sie am 30. April das Welfengymnasium in Ravensburg besucht und ist auf kritische Schüler gestoßen.

Ausgerechnet heute – mein eigener Sohn lernt auf seine letzte Abiprüfung – gehe ich zurück an meine Schule, an der ich 1982 Abitur gemacht habe. Zum ersten Mal übernachte ich im Heimatort Ravensburg im Hotel. Im Gasthof zum Engel, wo ich 1983 für meine Bewerbungsreportage an der DJS („Ein Tag als Kellnerin“) gekellnert habe. Und glatt nach München eingeladen wurde. Juhu!

Richtig viel Zeit für Nostalgie bleibt nicht, hier fängt der Unterricht um 7.30 Uhr an, ich soll um 7.15 Uhr beim Schulleiter sein. Grade noch Zeit, das schwarze Brett zu scannen, aha, es gibt eine Party-AG und eine Wintersport-AG. Sehr sympathisch. Und im Sport-Abi prüfen sie jetzt auf dem Schwebebalken die beidbeinige halbe Drehung im Ballenstand. Alptraum. Was bin ich froh, dass ich seit Mai 1982 nie wieder einen Schwebebalken malträtieren musste.

Machen Sie sich auf kritische Schüler gefasst“, sagt Gemeinschaftskunde-Lehrer Raphael Schwendele, der so jung ist, dass er 1982 noch nicht mal geboren war. Moderner guter Lehrer, hat die Jungs und Mädels längst mit Fake News, Populismus und Filterblasen bekannt gemacht. Und tatsächlich – es wird sehr kontrovers. Größter Vorwurf: Ihr verschweigt uns die Hälfte! Ihr wollt uns Eure Meinung aufdrücken! Zensur!

Ich habe einen kleinen Film mitgebracht, aus dem Hessischen Fernsehen, „Engel fragt“. Es geht darin um Shitstorms und Trolle und Hass (in diesem Fall gegen kritische Ärztinnen und Jounalistinnen). Ich komme darin vor, das gibt mir Anlass über meine Arbeit zu berichten. Aber ich nutze den fünfminütigen Film (im Link oben ab Minute 12) auch, um das Publikum zu aktivieren. Sie sollen eine Überschrift und drei Sätze formulieren. Jeder wählt einen anderen Schwerpunkt, wir reden darüber, dass die Reduktion von Komplexität immer stattfindet. Jeder wählt aus. Hat nichts zu tun mit Unterschlagung. Ist Handwerk.

Aber dennoch: Als es an den Pressekodex geht, wird die Debatte sehr lebhaft. Warum wird das Gesicht eines Kinderschänders (O-Ton) vor Gericht verpixelt? Warum nennen JournalistInnen nicht grundsätzlich die Herkunft aus einem islamischen Land? Warum muss Uli Hoeneß mit Namen und Gesicht für seine Steuerdelikte büßen in der Presse – ein ungleich schlimmerer Mörder hingegen nicht?

Da gebe es, sagt einer, eine BKA-Studie, dass „im islamischen Kulturkreis“ signifikant mehr Sexualdelikte vorkommen. Ich frage ihn, wie er es fände, wenn wir bei Uli Hoeneß jedes Mal dazu schreiben, dass im deutschen Kulturkreis signifikant mehr Steuern hinterzogen werden als im islamischen. Es geht hoch her. Ich bin froh, dass ich mir die neueste Änderung des Pressekodex zu diesem Thema vorher ausgedruckt habe.

Wir reden viel über Fehler – ja, die Berichterstattung nach der Kölner Silvesternacht war überwiegend gut gemeint und schlecht gemacht. Ja, der Fall Kachelmann ist kein Glanzstück – und ja, er wird schwer wieder rehabilitierbar sein. Aber welchen Anteil hat ein Promi selber an seiner medialen Erzählung? Spannendes Thema.

Wir reden auch über Zeitdruck, das Bestreben bei Nachrichten der Erste zu sein, und dennoch die Sorgfaltspflicht walten zu lassen. „Das ist doch alles Kommerz“, sagt einer, und klar hat er recht: Die Nachricht ist eine Ware. Aber die Nachricht auf seinem Smartphone („ist von Apple, ist da automatisch drauf, da zahl ich nix für“) ist auch eine Ware. Bezahlt mit Daten, von denen wir nicht wissen, wo sie eines Tages landen. Im schlimmsten Fall – das weiß ein Schüler zu berichten – werden mit unseren Handydaten Profile erstellt, die eine Regierung missbraucht wie die chinesische. Da wären wir dann auch endgültig beim Thema Zensur und Pressefreiheit, wir schauen uns die neue Weltkarte von Reporter ohne Grenzen an, sie ist erschütternd.

Was bleibt für mich als Journalistin? Diese Schüler sind sehr gut informiert und stellen berechtigte, kluge Fragen. Von der gedruckten Zeitung, die ihre Eltern abonniert haben, halten sie gar nichts („Ein Sonnenaufgang auf dem Titel, und dafür wollen die noch Geld!“). Sie sind sehr misstrauisch unserem Gewerbe gegenüber, und das werden wir mit einem Besuch nicht ändern. Kritik ist ja das beste, was wir von der nächsten Generation erwarten können – wäre ganz schön, wenn sie das Misstrauen auch den Medien gegenüber hätten, die sie anstatt der Zeitung nutzen. Facebook, Focus Online, T-online, Apple und Google – diese wurden genannt. Da gibt’s noch viel zu besprechen, ich setze ganz auf Herrn Schwendele. Und bin froh, dass ich den Tag (mit Anreise waren es eher zwei) investiert habe. Ist ja übrigens auch schön in der Heimat, und das Bier schmeckt besser als in Köln.

Gerne wieder!

Mehr Informationen über Ursula Ott und ihre Arbeit: www.ursulaott.de

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