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Lisa Altmeier in Rheinland-Pfalz: Offene Debatte über Journalismus und Geld

Lisa Altmeier (50. Lehrredaktion) reist für das Projekt Crowdspondent um die Welt und berichtet darüber. Sie arbeitet unter anderem für den Bayerischen Rundfunk (PULS Reportage), das ZDF und die Süddeutsche Zeitung. Für #journalistenschule besuchte sie das Marion-Dönhoff-Gymnasium Lahnstein und die örtliche Berufsschule. 

Das Journalistenleben im Jahr 2018 ist ein trauriges: Wir gehören zu den unbeliebtesten Berufsgruppen, kaum einer vertraut uns und die Leute können unsere Arbeit immer schlechter von Werbung unterscheiden.

Zeit, etwas zu tun! Wir, die Alumni der DJS – Deutsche Journalistenschule München, sind davon überzeugt, dass wir in Zeiten von „Fake News“ und „Lügenpresse“-Rufen unsere Arbeit viel besser erklären müssen.

Deshalb gehen wir zum Tag der Pressefreiheit an unsere alten Schulen. Auch ich war an meiner Schule und an der örtlichen Berufsschule.

Die größte Herausforderung war es, den Abikurs bei Laune zu halten. In der Klasse waren nämlich aufgrund der Abi-Mottowoche sämtliche Schüler als ABC-Schützen verkleidet und noch etwas müde vom Feiern …

Wie ihr übrigens anhand des Fotos erahnen könnt, wurde es von einem Lehrer gemacht. Beim nächsten Mal würde ich eher einen kompetenten Schüler der Generation Instagram fragen.

„Hat euch in letzter Zeit ein Artikel/Bericht genervt oder aufgeregt?“ habe ich gefragt. Aus dieser Frage ergaben sich in alle vier Klassen spannende Diskussionen, unter anderem zu Kollegah und dem (inzwischen verschwundenem) Echo.

Ich habe den Schülern außerdem Medienmagazine wie Zapp – Das Medienmagazin, BILDblog und Übermedien gezeigt. In diesen Formaten kritisieren Journalisten andere Journalisten für schlechte Berichterstattung. Damit wollte ich zeigen, dass Medien keine Einheitsfront sind, die alle dasselbe berichten und alle einer Meinung sind. Dass wir Journalisten uns gegenseitig kontrollieren und kritisieren ist ein wichtiger Teil der Meinungs- und Pressefreiheit. Wir haben aus aktuellem Anlass auch über das Ereignis von Münster diskutiert und anhand dessen Nachrichtenkriterien und journalistische Prinzipien erläutert. Wo ging die Berichterstattung schief und warum? Und wie sollte sich ein Journalist verhalten, wenn er einen Fehler macht?

An der Berufsschule konnte ich meinen Laptop zunächst nicht anschließen, deshalb war dort eher Freistil angesagt. Die Schüler haben auch ohne Bilder zugehört, extrem viele Fragen gestellt und ausführlich über ihren Medienkonsum gesprochen. Ein paar Fragen waren unerwartet persönlich („Wie alt sind Sie?“, „Haben Sie überhaupt ein Privatleben, wenn Sie die ganze Zeit herumreisen?“ Wie viel Geld verdienen Sie?“, „Was hatten Sie für eine Abinote?“). Aber es war auch unterhaltsam. Auf die Frage „Welche Meldung aus der letzten Zeit fandet ihr unglaubwürdig?“ antwortet eine Berufsschülerin: „Dass das Abitur angeblich immer leichter wird.“ Mit der anderen Klasse, einer Berufsintegrationsklasse für Flüchtlinge, die nur aus Männern bestand, habe ich über ihre Sicht auf die Berichterstattung zum Thema Flüchtlinge gesprochen. Und in einer Klasse des Gymnasiums war eine Influencerin am Start, die zum Thema Fußball instagrammt.

Wie finden die Schüler überhaupt Nachrichten? Die meisten nutzen einfach vorinstallierte Apps auf ihrem Handy, die heißen dann zum Beispiel „News“ und stammen von n24 und Focus Online. Sogenannte Qualitätsmedien sind darin eher selten zu finden.

Was mich überraschte: Eine Schülerin meinte, dass sie genervt sei von den „blöden Aufforderungen, Geld zu zahlen, nur weil man mal einen Artikel lesen will.“ Ich habe diese Meinungsäußerung genutzt, um auf die Finanzierung der Medien einzugehen:“ Was glaubt ihr eigentlich, wovon ich lebe?“ Erschreckend: Niemand wusste, wie schlecht Online-Werbung bezahlt ist und unter welchem finanziellen Druck viele Journalisten stehen. Alle waren der Ansicht, dass Klicks in Kombination mit Bannerwerbung automatisch reich machen. Aber ohne zahlende Leser und Zuschauer kann es keinen guten Journalismus geben.

Hinterher habe ich mich bei den Schülern erkundigt, welchen Punkt aus dem Unterrichtsbesuch sie am spannendsten fanden. Und da nannten sie tatsächliche die Sache mit der Finanzierung. Das zeigt mir: Sogar junge Menschen reagieren positiv darauf, wenn Medien offenlegen, dass sie Geld zum Arbeiten benötigen. Aber auch diesen Punkt müssen wir Journalisten besser erklären. Es reicht nicht, zu sagen: „Wir brauchen Geld, wenn du uns online lesen willst.“ Zumindest jüngere Menschen halten das für Abzocke, weil sie glauben, dass man ja das Geld schon über die Werbung verdient.

Nach dem Unterricht haben mich an beiden Schulen die Lehrer gefragt, ob ich nicht beim nächsten Heimatbesuch wiederkommen möchte. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Es war eine tolle Sache und ich konnte mindestens so viel von den Schülern lernen wie umgekehrt.

Also tschaka tschaka an alle ehemaligen Journalistenschüler, die sich heute todesmutig in die Klassenzimmer stürzen. Und denkt dran: Falls ein paar Schüler etwas müde sind oder vielleicht sogar jemand in eurem Unterricht einschläft: Es gibt tausend Dinge im Leben eines Schülers, die ihn zum Einschlafen bringen können. Besonders wenn gerade Mottowoche ist

Und jetzt fühle ich mich wie eine Siebtklässlerin, die einen etwas zu langen Aufsatz geschrieben hat.

Mehr von Lisa Altmeier auf twitter.

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